Fragwürdiger Tanz um eine wertlose Paste

Justus Liebig würde sich im Grabe umdrehen. Peinlich wäre ihm der Hype um sein Fleischextrakt. Verzweifelt wäre er ob der Verhunzung seines wissenschaftlichen Erbes. Hatte er mit seinem Granulat aus getrocknetem Rinderfleisch doch bloß ein paar Euro nebenher verdienen wollen.

Dieses Nebenher ist nun zur Hauptsache geworden. Vergessen ist der Kern seiner Motivation und verdrängt die Essenz seiner Forschung. Liebig wollte den Hunger seiner Zeit bekämpfen. Aber nicht mit dem Fleischextrakt. Der eigentliche Extrakt seiner wissenschaftlichen Arbeit ist die Entdeckung von Kreislaufprozessen bei der Pflanzenernährung: Was man dem Boden entziehe, müsse man ihm wieder zurück geben. In diesem Sinne war Liebig ein Vertreter des Nachhaltigkeitsgedankens, lange bevor dieses Wort erfunden war.

Der Fleischextrakt steht für das Gegenteil. Geradezu symbolhaft steht er für die Verschwendung von Ressourcen. Man kann an ihm exemplarisch eine der Entstehungsbedingungen des Hungers in der Welt aufzeigen. Stattdessen choreografiert das Stadtmarketing einen Tanz um eine wertlose Paste. Eine illustre Koalition aus Einzelhändlern und Kulturschaffenden gibt sich dem Suppenrausch hin.

Wertlos, aber teuer: 100 Gramm von “Liebigs Fleischextrakt” kosten in der Feinkostabteilung von Karstadt rund 23 Euro. Zur Herstellung wird reines, von Fett, Sehnen und Häuten befreites Muskelfleisch verwendet – 30 Kilo Fleisch ergeben 1 Kilo Extrakt. Für das Döschen in der Feinkostabteilung werden also drei Kilo hochwertiges Fleisch zu 100 Gramm eines nährwertlosen Edelgewürzes verpanscht.

Der Mythos besagt, dass der Fleischextrakt jenen – teils hungernden – Menschen des 19. Jahrhunderts gelegen kam, die sich kein Fleisch leisten konnten. Das Gegenteil war der Fall. Die Originalpaste war ein “Luxusprodukt, das vor dem ersten Weltkrieg nur für wohlhabende Kreise erschwinglich war”, so Bernhard Jussen in dem “Atlas des historischen Bildwissens”, einer Publikation des Max-Planck-Instituts für Geschichte. Der Atlas verzeichnet die weit über 6000 Sammelbildmotive, die seinerzeit zu Reklamezwecken den Döschen beigefügt worden waren.

Heute ist es nicht viel anders. Der Kilopreis des Extrakts in der Feinkostabteilung beträgt das fünf- bis siebenfache eines Kilos erstklassigen Filets von der Biotheke. Die Zahl der Menschen, die sich diesen Irrsinn leisten wollen, dürfte begrenzt sein. Wer seine Suppe auf – im doppelten Wortsinn – billige Weise geschmacklich frisieren möchte, dürfte eher zum gemeinen Brühwürfel greifen. Nichts anderes werden die Akteure des “Suppenfestes” dieses Jahr wieder tun.

Die Lust auf Fleisch hat einen hohen Preis. Nach der einen Rechnung frisst ein Schwein pro Kilo Gewicht vier Kilo pflanzliches Futter. Eine andere Rechnung hat der brasilianische Agrarexperte José Lutzenberger aufgemacht: 20 Kilo an pflanzlicher Masse sei nötig, um ein Kilo des “Luxusgutes Fleisch” zu erzeugen. Nach Lutzenberger bräuchte man also 60 Kilo Pflanzenmasse für 1 Kilo Fleischextrakt. Die Kühe ” pinkeln mehr, als der Boden aushält”, ergänzt der niederländische Landwirt und Naturschützer Jan Tiggeloven.

“In der Gießener Stadtbibliothek macht sich ein illustres Expertenteam breit”, heißt es in der Ankündigung zu einer Veranstaltung im Rahmen der diesjährigen Suppenfestreihe. “Texte und Lieder verdichten sich zu einer skurrilen Suppenlegende.” Das ist nicht kritisch gemeint, sondern soll lustig sein.

Doch das Gequatsche ist längst schon vom Skurrilen ins Ignorante hinübergeglitten. Die Legendenbildung ist nicht mehr frei von Zynismen.

Allerdings passt die Legende genau zur Intention. Mit “Liebigs Suppenfest” wurde Gießen im Rahmen der “Hessischen Innenstadtoffensive” unter der Bezeichnung “Ab in die Mitte” zu den diesjährigen Landessiegern dieses Wettbewerbs gekürt. Diese “Offensive” kann man getrost übersetzen in “Hessische Konsumoffensive” mit dem Motto “Ab an die Ladentheke”.

Höhepunkt der Suppenfestreihe ist folgerichtig der verkaufsoffene Sonntag. Zum Finale gibt’s am Wochenende das “Suppen(s)hopping” mit der Aktion “Gießen sucht den Suppenstar”. Aus der Sicht der Ladenbesitzer ist all dies nachvollziehbar. Unerfreulich ist aber, dass der innerstädtische Einzelhandel allmählich zur Bestimmungsinstanz dessen heranwächst, was auf Straßen und Plätzen in Gießen unter “Kultur” verstanden wird. Ein sichtbares Zeichen dieser einzelhandelsgetriebenen Stadtverschönerung ist der Kunststoffsaurier vor der Kongresshalle.

Diese Definitionsmacht ist augenscheinlich so weit gediehen, dass das heute noch zukunftsweisende Werk eines großen Forschers dieser Stadt und Namensgebers der Universität nur noch als Reklamegaudi eine Chance hat. Nennenswerter Widerspruch ist nicht erkennbar. Hauptsache, die Kasse klingelt.